Mount Kinabalu - 4095 m

Von wegen Urlaub… um viertel vor zwei in der Nacht klingelt unser Wecker, nachdem wir mehr oder weniger am Vorabend versucht haben zu schlafen. Die Wanderhosen sind mittlerweile vom Schweiß getrocknet, bekommen aber noch ihre Beinverlängerung. Obligatorisch sind ein warmer Pulli sowie Handschuhe, Schal und Mütze. Von wegen Tropenklima… Ein Frühstück um diese Uhrzeit ist nicht jedermanns Sache und Kaffee fördert die Höhenkrankheit. Also etwas Wasser und Rührei rein und los geht’s. Dummerweise laufen wir erst mal an unserem höher liegenden Schlafhaus vorbei. Wenn wir unseren Guide beim Abendessen gesehen hätten, dann hätten wir uns die zusätzlichen hundert Meter runter und wieder hoch natürlich gespart.

Abgesehen von der Kälte macht sich auch die dünne Luft bemerkbar. Man ist schneller außer Puste und braucht länger, um wieder genügend Sauerstoff bis in die Zehen zu pumpen. Da wir aber nicht die einzigen sind, die da hoch wollen, schlappen wir in gemächlichem Trott einer langen Reihe leuchtender Stirnlampen hinterher. So kommt man wenigstens nicht in Versuchung, zu schnell zu laufen und die Staupausen sind eine perfekte Gelegenheit, um sich an die Aufstiegsbedingungen zu gewöhnen. Schon bald stehen die ersten am Rand und versuchen sich ihrer Klamottenschichten zu entledigen. Auch Moritz und ich sind ständig dabei, Sachen an und wieder auszuziehen, je nachdem, wie anstrengend es gerade ist und auf welche weitläufigen oder waldigen Umgebungen wir gerade treffen. Schon bald haben wir unseren Marschschritt gefunden und beginnen die ersten Bergsteiger zu überholen. Immer dicht hinter uns ist unser Guide. Erst als es an die gefährlichste Stelle der Strecke geht, läuft er voraus und weist uns den Weg entlang der glatten Felswand bzw. hält auch mal Händchen, wenn es sein muss. Kurz vor Kilometer sieben, also nach einem Kilometer Strecke für heute, steht wieder ein Registrierhäuschen, das alle Personen dokumentiert, die den Gipfelbereich betreten.

Hier verlässt uns unser Guide für einen längeren Klogang. Er stellt uns frei, zu warten oder langsam weiterzulaufen und dabei immer dem weißen Seil zu folgen. Wir befolgen den zweiten Vorschlag und merken sehr bald, dass es auf 3700 m Höhe sowieso nicht mehr allzu schnell vorwärts geht. Wie Zombies setzen wir völlig steif einen Fuß vor den anderen, überholen Leute oder werden überholt und beginnen am eigentlichen Sinn dieser Aktion zu zweifeln. Kurz vor der nächsten Streckenmarke erfahren wir, dass der Gipfel gar nicht auf Kilometer acht, sondern 8,7 liegt. Das ist ein Drittel mehr Weg, als auf was wir uns eingestellt haben! Aber es hilft ja alles nichts. Es ist noch immer stockfinster, auf dem Plateau weht ein eisiger Wind und angeblich liegen wir für den Sonnenaufgang noch gut in der Zeit. Doch uns wird auf Grund der schweißgebadeten Klamotten immer kälter und die Motivation sinkt immer weiter. Aber endlich… Vor uns liegt hinter einer Kuppe der Gipfel, wo bereits die ersten schnellen Kletterer angekommen sind. Wir sammeln die letzten Kräfte, essen noch mal ein Stück Schokolade und stürmen uns auf die letzen siebenhundert Meter. Die letzten zweihundert Meter müssen wir fast auf allen Vieren die großen Steinfelsen hochklettern, das Ende in Sichtweite. Ein ungeahnter Energieschub gepaart mit dem sich nähernden Sonnenaufgang treiben uns blind und in Windeseile bis nach ganz oben. Geschafft! Nach zweieinhalb Stunden haben wir den Berg besiegt und Roger uns mittlerweile wieder eingeholt.

Nachdem wir einem schönen Sonnenaufgang beiwohnen konnten und die letzten Bilder mit der Kamera gemacht sind, geht es auch schon wieder runter. Allmählich machen sich diverse Muskeln und das Knie bemerkbar. Im hellen sieht das Plateau kurz vor dem Gipfel schon ganz anders aus, wobei dieser Teil sich gemütlich, mit den Händen zum Wärmen in den Hosentaschen, zum schnellen runter spazieren eignet. Die schwierigen Stellen, wo man sich an dem Seil hochziehen muss, gestalten sich abwärts als noch schwieriger. Im Registrierhäuschen abmelden und schon kommt die gefährlichste Stelle der Strecke, die im Hellen wirklich Respekt einflößt. An der steilen glatten Felswand gibt es genau einen Bruch, in welchem man seine Füße verkeilen kann, um daran entlang zu gehen. Dabei sollte man möglichst nie das weiße Seil loslassen, denn das Ende der Wand ist von dieser Stelle aus nicht sichtbar. Als wir endlich in unserer Unterkunft ankommen stellen wir mit Erschrecken fest, dass unser Mitbewohner abgeschlossen hat und wir unseren Schlüssel drinnen liegen gelassen haben. Der arme Moritz opfert sich auf und läuft runter zum Gasthaus, um sich einen Schlüssel geben zu lassen. Bergauf ist laut seinen Aussagen wohl nicht mehr so spaßig.

Wir bringen schnell das zweite Frühstück hinter uns, denn Moritz will endlich vom Berg runter. Wie gehabt müssen wir erst mal unseren Guide finden bis wir um halb zehn den Abstieg beginnen. Während ich zu Beginn sehr mit Muskelkater an den Knien kämpfen muss, sprintet Moritz galant den Weg runter und nutzt die Wartezeit als Pausen. Doch schon bald habe ich meine Angst vor dem Stürzen überwunden und meine alte Technik aus Chile wiedergefunden, so dass wir in recht zügigem Tempo vorwärts kommen. 5,5 km, 5,0 km, 4,5 km, die Reststrecke wird schnell immer kürzer. Doch plötzlich überkommt Moritz‘ Beine eine Schwäche, aus der er nicht mehr wieder herauskommen soll. Nicht dass nur die Knie nicht mehr mitmachen würden, er kann sich kaum mehr auf den Beinen halten, so erschöpft sind sie. Erst humpelt er einfach hinter mir her, während ich die Stufen und Steine hinab sprinte. Doch die Beine wollen sich nicht mehr erholen und nur mit Mühe kann Moritz Höhenunterschiede nur mit durchgestreckten Beinen überwinden, da er andernfalls einfach zusammenklappen würde. Der Abstieg stellt sich als viel schwieriger heraus als der Aufstieg, so dass wir letztendlich genauso lang runter brauchen, wie wir hoch gebraucht haben.

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